Belastungssteuerung··5 Min.

ACWR: die Zahl, die alle nutzen und kaum einer hinterfragt

Die Rechnung ist simpel: Belastung dieser Woche geteilt durch den Schnitt der letzten vier. Kommt 1,5 raus, machst du diese Woche die Hälfte mehr als sonst. So weit, so brauchbar. Das Problem fängt dort an, wo aus der Zahl eine Ampel wird — und genau das ist überall passiert. Vorweg, damit es transparent ist: Ich baue selbst Software für Trainingsplanung, die genau diese Zahl anzeigt — deshalb habe ich mich intensiver mit ihr beschäftigt, als mir lieb war.

Wie die ACWR gerechnet wird

Akute Last sind die letzten sieben Tage, chronische Last der Wochenschnitt der letzten 28. Das Verhältnis ist die Acute:Chronic Workload Ratio.

Was du als „Belastung" einsetzt, ist nicht beliebig. Trainingsminuten mal empfundener Anstrengung messen etwas anderes als Sätze mal Wiederholungen mal Gewicht — das eine bildet ab, was die Einheit mit der Person gemacht hat, das andere, was sie geleistet hat. Beide können auseinanderlaufen: Wer ausgeschlafen ist, hebt mehr und empfindet es als leichter.

Deshalb führe ich beide parallel, jede mit ihrer eigenen Kurve. Die eine schlägt manchmal an, wo die andere nichts sieht. Was ein Ausschlag bedeutet, entscheidet sich aber nicht an der zweiten Kurve — sondern daran, was die Person berichtet: Schmerz, Schlaf, wie der Folgetag war.

Woher der Korridor 0,8–1,3 kommt

Aus den Arbeiten von Tim Gabbett, allen voran seinem Beitrag von 2016 im British Journal of Sports Medicine. Die Kernbotschaft war gut und ist es bis heute: Nicht hohe Belastung macht Verletzungen, sondern zu schnell gesteigerte. Wer gut trainiert ist, verträgt mehr — nicht weniger.

Aus derselben Arbeit stammt der Korridor, den jeder kennt: 0,8 bis 1,3 gilt als gut, ab etwa 1,5 steigt das Risiko. Eingängig, leicht in eine Ampel zu übersetzen, und genau deshalb überall gelandet. Das ist Teil des Problems.

Was an der Zahl nicht stimmt

Seit etwa 2018 ist die ACWR methodisch systematisch auseinandergenommen worden. Drei Einwände wiegen schwer.

Der Zähler steckt im Nenner. Die aktuelle Woche ist eine der vier, aus denen sich die chronische Last bildet. Dadurch entsteht eine Korrelation, die rein rechnerisch da ist — auch wenn biologisch nichts dahintersteckt. Eine Analyse im BJSM hat genau diese Scheinkorrelation nachgewiesen.

Die Schwellen sind gesetzt, nicht hergeleitet. Eine stetige Größe wird in Kästchen sortiert — unter 0,8, bis 1,3, über 1,5. Wo die Grenzen liegen, folgt aus keiner Rechnung. Wang und Kollegen zeigen in Sports Medicine, dass diese Einteilung Verzerrungen einführt: Behandelt man die Zahl als das, was sie ist — stetig —, wird der Zusammenhang schwächer oder verschwindet.

Ursache ist nicht belegt. Fast alle Studien beobachten nur. Sie zeigen, dass hohe Werte und Verletzungen zusammen auftreten, nicht dass das eine das andere auslöst — und schon gar nicht, dass Steuern über die Zahl Verletzungen verhindert. Impellizzeri und Kollegen formulieren es deutlich: Bis dahin habe keine Studie ernsthaft versucht, kausale Effekte zu schätzen. Selbst die ursprünglichen Autoren sind später vom Wort „vorhersagen" abgerückt.

Der unangenehmste Befund: Ersetzt man die chronische Last durch Zufallswerte, schneidet die Kennzahl ähnlich gut ab wie mit echten Daten. Was mit erfundenen Zahlen genauso funktioniert, misst nicht das, was es zu messen vorgibt.

Erledigt ist die Sache damit trotzdem nicht. Eine Metaanalyse von 2025 hat 22 Kohortenstudien zusammengefasst und findet weiterhin einen bedeutsamen Zusammenhang zwischen erhöhter ACWR und Verletzungsaufkommen. Die Autoren halten am Korridor 0,8–1,3 als Orientierung fest und weisen ausdrücklich auf große individuelle Unterschiede hin.

Beides lässt sich zusammenbringen. Dass schnelle Belastungssprünge mit Verletzungen zu tun haben, ist über viele Sportarten hinweg beobachtet. Ob die ACWR das richtige Maß dafür ist, ist umstritten. Und ob Steuern über die Zahl etwas verhindert, ist offen.

In der Reha kommt ein eigenes Problem dazu

Die Studien, aus denen der Korridor stammt, betrachten Rugby-, Fußball- und Cricketprofis. Vor dir sitzt eine sechs Wochen alte Rekonstruktion oder ein 58-jähriger Läufer nach Achillessehnenbeschwerden. Übertragbar ist davon das Prinzip, nicht der Zahlenwert.

Denn am Anfang einer Reha ist die chronische Last winzig. Nach zwei Wochen Entlastung reicht eine einzige zusätzliche Einheit, um die ACWR über 2,0 zu treiben. Rechnerisch korrekt, klinisch bedeutungslos — Verhältniszahlen werden bei kleinem Nenner instabil.

Faustregel: Unter etwa vier Wochen halbwegs gleichmäßiger Daten ist die ACWR keine belastbare Größe. Bis dahin steuerst du über Symptomverhalten, Belastungsverträglichkeit am Folgetag und den Befund.

Was ich davon benutze

Das Prinzip, nicht die Ampel: Steigere in Schritten, die im Verhältnis zu dem stehen, was die Person in den letzten Wochen tatsächlich gemacht hat. Nicht zu dem, was im Plan steht. Nicht zu dem, was sie vor der Verletzung konnte. Das ist für mich der brauchbarste Teil der ganzen Debatte — und der einzige, den ich guten Gewissens weitergebe.

Was in den beiden Diagrammen steckt

sRPE-Last = Anstrengung (1–10) × Dauer der Einheit. Die Anstrengung kommt aus dem Logger oder aus den Satz-RPEs des Workouts.

Belastungsindex = Summe aus kg × Wiederholungen. Eigengewichtsübungen zählen anteilig mit, sobald im Profil ein Körpergewicht steht; Mobilisationen tragen nichts bei. Bei rein therapeutischen Einheiten ist deshalb die sRPE-Schiene die aussagekräftigere.

Korridor = −20 % / +30 % um den Wochenschnitt der vier Wochen davor. Er ist relativ und wächst mit der Belastung mit — herauswachsen kann man nicht.

Belastungssteuerung12 Wochen · Beispiel

Die Wochenlast selbst. Die gestrichelte Linie ist der Schnitt der vier Wochen davor, der Streifen der übliche Korridor darum — er wandert mit.

sRPE-Last
im üblichen Korridor
diese Woche 1.420 sRPE
Schnitt davor 1.145
0417834125016348.6.15.6.22.6.29.6.6.7.13.7.20.7.27.7.3.8.10.8.17.8.24.8.
Belastungsindex
im üblichen Korridor
diese Woche 8.200 Index
Schnitt davor 6.450
0k2k5k7k9k8.6.15.6.22.6.29.6.6.7.13.7.20.7.27.7.3.8.10.8.17.8.24.8.
üblicher Korridor (−20 % / +30 %)Schnitt der 4 Wochen davor● im Korridor  ▲ darüber  ▼ darunter  ○ noch keine Basis
Ansicht „Verlauf“. Zwölf Wochen Aufbau nach einer Knie-OP — konstruiertes Beispiel, keine echten Patientendaten. Jeder Balken ist die Last einer Woche ab null, die gestrichelte Linie der Schnitt der vier Wochen davor, das grüne Band der übliche Korridor darum. In der Woche ab 27.7. springt die Last auf fast das Doppelte. Die Woche ab 24.8. liegt absolut fast genauso hoch und ist trotzdem unauffällig — weil die Basis inzwischen mitgewachsen ist. Genau das meint „im Verhältnis zu dem, was die Person zuletzt tatsächlich gemacht hat“.
Belastungssteuerung12 Wochen · Beispiel

Dieselben Wochen relativ zur eigenen Basis. Null heißt: so viel wie im Schnitt der vier Wochen davor.

sRPE-Last
im üblichen Korridor
diese Woche 1.420 sRPE
Schnitt davor 1.145
-25 %0 %+25 %+50 %+75 %+100 %8.6.15.6.22.6.29.6.6.7.13.7.20.7.27.7.3.8.10.8.17.8.24.8.
Belastungsindex
im üblichen Korridor
diese Woche 8.200 Index
Schnitt davor 6.450
-25 %0 %+25 %+50 %+75 %+100 %8.6.15.6.22.6.29.6.6.7.13.7.20.7.27.7.3.8.10.8.17.8.24.8.
üblicher Korridor (−20 % / +30 %)0 % = so viel wie im Schnitt davor● im Korridor  ▲ darüber  ▼ darunter  ○ noch keine Basis
Ansicht „Abweichung“. Dieselben zwölf Wochen, nur relativ zur eigenen Basis. In der Woche ab 13.7. schlägt die Anstrengung an (+47 %), der Belastungsindex nicht (+11 %) — eine Woche, zwei Lastwährungen, zwei Aussagen. Was das bedeutet, entscheidet sich nicht an der Grafik, sondern an dem, was die Person berichtet.
Wochenwerte des Beispiels
WochesRPE-LastsRPE, Schnitt der 4 Wochen davorBelastungsindexIndex, Schnitt der 4 Wochen davor
Woche ab 8.6.4202.400
Woche ab 15.6.5102.700
Woche ab 22.6.6004653.0002.550
Woche ab 29.6.6605103.3002.700
Woche ab 6.7.6805483.6002.850
Woche ab 13.7.9006133.5003.150
Woche ab 20.7.8407104.1003.350
Woche ab 27.7.1.4507707.2003.625
Woche ab 3.8.9009685.4004.600
Woche ab 10.8.9801.0235.9005.050
Woche ab 17.8.1.2501.0437.3005.650
Woche ab 24.8.1.4201.1458.2006.450

Daraus folgen drei Dinge.

Der Trend zählt, nicht die Nachkommastelle. Interessant ist, ob der Wert drei Wochen in Folge klettert — nicht ob er heute 1,28 oder 1,34 beträgt. Einer Kennzahl mit diesen Schwächen hinterherzurechnen, ist verschwendete Zeit.

Nie allein. Ein erhöhter Wert bei jemandem, der gut schläft und sich frisch fühlt, ist etwas anderes als derselbe Wert bei drei Nächten schlechtem Schlaf und ziehendem Knie. Schmerz, Schlaf und Belastungsempfinden gehören daneben.

Nicht als Risikozahl kommunizieren. „Dein Wert ist im roten Bereich" erzeugt Angst vor Bewegung — bei genau den Leuten, die mehr Bewegung brauchen. Besser: „Du bist diese Woche deutlich schneller hochgegangen als sonst, lass uns das im Blick behalten."

Deshalb ist es in SportplanPro ein Hinweis

Die App rechnet die Belastungskurve über deine Wochenpläne mit und meldet sich, wenn jemand deutlich schneller steigert als bisher. Bewusst als Hinweis und nicht als Ampel — aus genau den Gründen, die oben stehen.

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Quellen

  1. Gabbett TJ. The training-injury prevention paradox: should athletes be training smarter and harder? Br J Sports Med 2016;50(5):273–280.
  2. Lolli L, Batterham AM, et al. Mathematical coupling causes spurious correlation within the conventional acute-to-chronic workload ratio calculations. Br J Sports Med.
  3. Impellizzeri FM, Tenan MS, Kempton T, Novak A, Coutts AJ. Acute:Chronic Workload Ratio: Conceptual Issues and Fundamental Pitfalls. Int J Sports Physiol Perform 2020;15(6):907–913.
  4. Wang C, Trejo Vargas J, Stokes T, Steele R, Shrier I. Analyzing Activity and Injury: Lessons Learned from the Acute:Chronic Workload Ratio. Sports Med 2020;50(7).
  5. Qin W, Li R, Chen L. Acute to chronic workload ratio (ACWR) for predicting sports injury risk: a systematic review and meta-analysis. BMC Sports Sci Med Rehabil 2025.